Veröffentlicht von Regine Klusmann am Mo., 23. Mär. 2020 09:39 Uhr

Ein erster Kurzbericht vom Partnerschaftsbesuch 2019 

der Bezirke Bakossi Süd und Überlingen-Stockach

EINDRÜCKE AUS KAMERUN 

Wir sind sprachlos! Das war die erste Reaktion der Zuhörer am 15.10. im Pfarrhaus am See, als Pfarrer Joseph Eyakwe und der Älteste Hans Ngole aus Kamerun über ihre derzeitige Situation in ihrer Kirche und ihrem Bezirk erzählten. Das Leid, was die Menschen im anglophonen Gebiet Kameruns derzeit erleben, kommt kaum in den Medien in Deutschland vor – und war auf einmal so nah. 

Pfarrer Joseph Eyakwe hatte zuerst einen kurzen Einblick in die Geschichte des Landes gegeben, um uns ein Verstehen zu ermöglichen, wie es zu dem Konflikt kam/kommen konnte. Seine Wurzeln gehen bis zum ersten Weltkrieg zurück, als das ehemalige Deutsch-Kamerun zwischen Frankreich und England aufgeteilt wurde und die jeweilige Sprache als Amtssprache gesetzt wurde. In den 60ger Jahren dann wurde den anglophonen Gebieten zur Wahl gestellt, ob sie zu Nigeria oder dem neu gegründeten Republik Kamerun gehören (wollen). Der Bezirk Bakossi liegt in dem Bereich, der der Republik Kamerun beitrat. 

Seit 2016 eskaliert nun eine Auseinandersetzung zwischen der frankophonen Regierung und dem anglophonen Gebiet Kameruns – bzw. vor allem einigen anglophonen Jugendlichen, die als Amba-Boys ihren Unmut gewalttätig zeigen. Sie greifen unter anderem regierungsnahe Menschen und Institutionen an und verbreiten Angst. Die Regierung reagiert, indem sie Soldaten in die Gebiete schickt. Durch Kämpfe zwischen den Gruppen werden Straßen und öffentliche Einrichtungen für die Zivilbevölkerung zur Gefahr. Vor allem Querschläger bei den Kämpfen trafen unbeteiligte Zivilisten. Aber auch von willkürlichen Festnahmen, Demütigungen und Misshandlungen erzählten Pfarrer Eyakwe und Ältester Ngole.  Schulen und Krankenhäuser wurden deshalb geschlossen, Menschen flüchten in den „Busch“ und hausen in Angst im Freien, etwa 30.000 Menschen leben als Flüchtlinge in Nigeria,  Häuser und ganze Dörfer wurden niedergebrannt, Mädchen und Frauen vergewaltigt, Bauern können ihre Höfe und Felder nicht bewirten, weil es zu gefährlich ist, sich dort aufzuhalten, Menschen werden überraschend festgenommen und einiges Erschreckendes mehr.  

PROJEKTE

Die presbyterianische Kirche in Bakossi Süd versucht mit verschiedenen Projekten, die Not der Menschen in den Gebieten zu mildern. 

So betreibt sie in Tombel eine Schule, die von einem Sicherheitszaun umgeben ist. Diese ist aber nun mit 300 Schüler*innen überfüllt und darauf nicht ausgelegt. Zudem können viele (Waisen-)Kinder das Schulgeld nicht aufbringen, von dem die Lehrer finanziert werden müssten. Hierfür benötigte Unterstützung konnte Pfarrer Joseph Eyakwe in Zahlen ausdrücken: so liegen die Gesamtausgaben pro Schüler*in pro Jahr bei etwa 70€ (Schulgebühr, Bücher u.a.) und an die 100 Waisenkinder sind im Bezirk derzeit darauf angewiesen (~ 7000€ im Jahr). 

Das ebenfalls betriebene Presbyterianische Krankenhaus kann nur schwer die Arbeit aufrecht erhalten, da die Menschen die Behandlungen nicht bezahlen können und es in Kamerun generell keine Krankenversicherung gibt. Daneben ist es ein großes Problem, dass Mitarbeiter sich weigern, in das Gebiet zu gehen, selbst wenn sie dorthin versetzt wurden. Zudem fehlen unter anderem z.B. einfach Matratzen für die Betten.  

Für die jährliche Unterstützung hilfsbedürftiger Gemeindeglieder, sowie Kleidung und Nahrung für die Menschen, die sich im Busch verstecken, ist ebenso jede Unterstützung willkommen. Die Zahl der Menschen, die darauf angewiesen sind, steigt durch die Krise immer weiter. 

Für die Pfarrer, die zwar kein Hauptziel im Konflikt sind, aber dennoch erhöhtem Risiko ausgesetzt sind, möchte Pfarrer Joseph Eyakwe Unterstützung und Schutz anbieten können. Für zumindest ein paar Tage möchte er die 13 Pfarrpersonen und deren Ehepartner*innen zur Erholung in ein sicheres Gebiet einladen, so dass sie miteinander neue Kraft und Hoffnung schöpfen können.   

WEITERE  BEGEGNUNGEN 

Nicht nur an diesem Abend kam es zu diesem wichtigen Austausch zwischen den beiden Besuchern aus Kamerun und den an dieser Partnerschaft interessierten Menschen unseres Bezirks. In den zwei Wochen vom 06.10. bis zum 19.10. war jeder Tag angefüllt mit Begegnungen und dem gegenseitigen Kennenlernen und Erzählen und Zeigen. 

So bekamen Pfarrer Joseph Eyakwe und der Älteste Hans Ngole auch einen Einblick in das, was uns hier im Bezirk gerade beschäftigt. Am 09.10. konnten sie beim Besuch im Asylbewerberheim mit Flüchtlingen, unter anderem aus Kamerun (meist frankophone Landsmänner), ins Gespräch kommen und erleben, wie deren Situation hier bei uns ist. 

Ein Besuch im Schloss Salem, inklusive der Begegnung mit Prinz Michael von Baden, der Besuch der Bibelgalerie1 Meersburg und einer kleinen Stadtführung dort brachten unseren Kameruner Freunden das Land Baden und auch die Gegend etwas näher. 

Donnerstags stand eine Führung durch das „Werkstättle“2 in Pfullendorf auf dem Plan, mit anschließendem Gespräch darüber, wie ein solches Projekt für Menschen ohne Arbeit finanzierbar ist, bzw. in Pfullendorf seit über 30 Jahren erfolgreich besteht. Abends konnten die beiden den Studientag „Christen und Muslime“ in Pfullendorf miterleben und ihre eigenen Erfahrungen im Zusammenleben der beiden Religionen erzählen. 

Beim Konfi-Unterricht am 16.10. in Markdorf wurden sie von den Jugendlichen neugierig befragt und haben wiederum von ihren Erlebnissen erzählt. 

In der Mitte ihres Besuches, am Wochenende vom 12.-13.10. waren Pfarrer Joseph Eyakwe und der Älteste Hans Ngole in der Gemeinde Markdorf zu Besuch und konnte ein lebendiges und gut besuchtes Gemeindefest zu Erntedank miterleben. Besonders der Gottesdienst im überfüllten Kirchraum blieb den beiden dabei gut in Erinnerung. Die hier in der Gemeinde gesammelten Spenden von +/- 2000€ werden im Bezirk Bakossi dringend gebraucht. 

Ebenfalls in Markdorf trafen sich am 15.10. Prädikant*innen, Diakon*innen, Prädikant*innen und die Vikarinnen zur Dienstgemeinschaft. Hier gab es einen angeregten und gewinnbringenden Austausch zur Frage, wie die Partnerschaft in Zukunft gestaltet werden kann und welche Unterstützungsmöglichkeiten vom Bezirk Überlingen-Stockach für die Partner in Kamerun denkbar und möglich sind. 

GEMEINSAME VORHABEN 

In der Dienstgemeinschaft wurde der jeweils 3. Sonntag im Juni als gemeinsamer Partnerschaftssonntag festgehalten und den Gemeinden des Bezirks vorgeschlagen.  So feiern die Menschen in Bakossi und hier im Bezirk parallel Gottesdienst und beten füreinander. In diesen Gottesdiensten ist die Kollekte für jeweils ein Projekt oder Vorhaben des Partnerbezirkes bestimmt. 

Ein kleiner organisatorischer Wunsch war dabei, dass es sowohl in Kamerun als auch bei uns jeweils ein Konto gibt, über das Spendengelder gezielt und sicher ankommen.  

Aber auch der Wunsch, mehr Ehrenamtliche (und allgemein mehr Menschen) für die Partnerschaft und den Austausch mit unseren Freunden in Kamerun zu interessieren, kam zur Sprache. Hierfür wäre ein Arbeitskreis Kamerunpartnerschaft mit Interessierten aus dem ganzen Bezirk ein Gewinn und wird gemeinsam angestrebt.    

Es ist auf beiden Seiten der große Wunsch, diese Partnerschaft wieder voll aufleben zu lassen. Im Gebet und gegenseitigem Austausch wollen wir an der Situation des jeweils anderen teilnehmen und einander Mut machen. Be blessed und Gott befohlen! 

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