An-ge-dacht 

 

Mit lautem Klirren fällt die wertvolle Schale auf den Boden. Sie zerspringt in viele  Einzelteile.... Erschrocken und traurig sehe ich auf die Scherben.

Ich sehe auf die Scherben, die das vergangene Jahr mit all seinen Einschränkungen hinterlassen hat. So vieles, was ich mir gewünscht hätte und was ich gern gemacht hätte war nicht möglich. Und manches davon ist unwiederbringlich. Abschiede waren nicht möglich, Gespräche nicht und heilsame Nähe nicht. Worte blieben ungesagt und Umarmungen ungeteilt. Lächeln ungesehen und Tränen... so viele Scherben. So viel Schmerz und Traurigkeit. 

 

Und nachdem Jesus am Kreuz gestorben war zerstreuten sich seine Jüngerinnen und Jünger in alle Winde. Traurig machten sich auch zwei von ihnen auf in ein Dorf namens Emmaus. Und sie sprachen miteinander über all die Geschichten, die sie mit Jesus erlebt hatten.  

 

Und auf einmal beginnt eine alle einzelnen Scherben vorsichtig aufzusammeln. Keine geht verloren. Achtsam, still und liebevoll werden die Scherben gesammelt. Jede ist wichtig, keine wird fehlen oder unter keine unter den Tisch gekehrt. Wie gut ist es, wenn in allem Schmerz, in aller Trauer jemand anderes da ist, der zuhört. Der oder die sich all die Geschichten anhört, die erzählt werden wollen. All die Erlebnisse, die auf der Seele liegen und die zu Worten werden. Wie gut, dass Du da bist: Freundin oder Freund; Tochter oder Sohn; Mutter oder Vater... oder werd Du auch bist. Wie gut, dass es Dich und Deine Ohren gibt. Und wie gut, dass Du von deiner Trauer erzählen kannst.... Und manchmal beginnen sich beim Erzählen leise und langsam auch die anderen Geschichten einzuschleichen: die schönen und fröhlichen, die liebevollen und lustigen Erlebnisse...wie gut und heilsam ist es auch die zu teilen und zu erinnern. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und es geschah, als die Jünger unterwegs miteinander redeten, da nahte sich ihnen ein Fremder und er ging mit ihnen. Und er fragt: „Was sind das für Dinge, über die ihr da redet?“ Und ein Jünger sagte traurig und mit hängendem Kopf: Weißt Du denn nicht, was in Jerusalem geschehen ist? Sie haben Jesus, ein Prophet von Gott gesandt, unseren Freund und Meister, gefangen genommen und ans Kreuz geschlagen. Wir hatten gehofft, dass er uns und alle Welt von allem Übel befreien würde ...und nun ist er tot. Und einige Frauen haben uns erschreckt. Sie sind heute früh am Grab gewesen, aber sein Leichnam war nicht dort. Stattdessen sahen sie einen Engel, der sagte: „Jesus ist nicht hier, er lebt!“

 

Und eine beginnt eine Scherbe nach der anderen wieder zusammen zu fügen. Langsam, ein Stück nach dem anderen. Die Schale fügt sich wieder zusammen. Die Risse bleiben. Sie verschwinden nicht. Niemals. 

 

 

 

„Jesus ist nicht hier im Grab. Jesus lebt!“ Sollte das wirklich wahr sein? Die beiden Jünger können es nicht glauben. Noch nicht glauben. Sollte es wirklich wahr sein, auch für uns, dass wir leben und nicht im Tod bleiben werden? „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer mir nachfolgt wird nicht im Tod bleiben, sondern das ewige Leben haben.“ Skeptisch, aber doch ein Hoffnungsschimmer. Ein Trost in der Trauer, ein Licht im Dunkel. Eine kleine Flamme noch. Zaghaft und vorsichtig...

 

Und der Fremde begann aus der heiligen Schrift zu erzählen, von der Verheißung und der Hoffnung. Und sie kamen an ein Dorf und es wurde Abend. Die beiden Jünger luden den Fremden, der weiterziehen wollte, zum Bleiben ein. Und als sie zu Tisch saßen, nahm er das Brot, dankte und brachs und gab es ihnen: Nehmet hin und esst... Und auf einmal wurden ihnen die Augen geöffnet und sie erkannten Jesus, ihren Herrn und Meister. Und sogleich verschwand er von ihnen. 

 

Und nun geschieht etwas wunderbares. Die Klebestellen der Schale werden mit Blattgold überstrichen. Vorsichtig, Riss für Riss. Und am Ende bleibt eine Schale, ganz und heil, mit goldenen Spuren. Spuren der Verletzung, der Entzweiung beachtet und wieder zusammengefügt. Nicht unsichtbar, nein - aber vergoldet. Sie gehören zur Schale und machen sie besonders, wertvoll.... 

 

 

Und nun wird die kleine Flamme zum Feuer. Die Skepsis zur Hoffnung. Jesus ist nicht im Tod geblieben. Ja, es wird wahr werden: auch unsere Toten sind nicht verloren. Sie werden leben. Unser Schmerz und unsere Trauer wird nicht verschwinden. Das Leben wird nicht so sein wie vorher. Aber es wird nicht ohne Hoffnung sein, nicht ohne Trost und nicht endgültig. ... denn da ist einer, der uns unendlich sanft in Händen hällt. Eine, die die Risse unseres Lebens wieder zusammenfügt und vergoldet. Mit zärtlichen Händen, liebevoll und sanft. 

Regine Klusmann